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BLÜTHNER
in
Leipzig

1878

Die Königlich sachsiche Hof-Pianofortefabrik von Julius Blüthner in Leipzich.
Musikalisches Wochenblatt, 29/03/1878, p. 177

Die königlich sächsische Hof-Pianoforte-Fabrik von Julius Blüthner in Leipzig. (Wir bemerken im Voraus, dass der nachstehende, dem hier grössten derartigen Etablissement geltende Artikel nicht der Feder entstammt, welcher wir dessen Vorgänger verdanken. D. Red.)

"Die grösste Pianofortefabrik Leipzigs, überhaupt Eines der grossartigsten Etablissements seiner Art, ist die königlich sächsische Hof-Pianofortefabrik von Julius Blüthner, die wir unseren Lesern heute im Bilde vorführen.

Wir dürfen wohl annehmen, dass das Bluthuer'sche Fabrikat überall bekannt ist. Ein ausserordentlich schöner, weicher, singender Ton, möglichste Feinheit und Ausdauer des Mechanismus, geschmackvolle äussere Ausstattung, das sind die Vorzüge, welche demselben allgemein zugestanden werden, Vorzüge, die der Firma Julius Blüthner eine Beliebtheit und in der Folge einen Aufschwung verschafft haben, wie er auch in anderen Branchen nur selten zu beobachten ist.

Wer vermöchte aus dem gewaltigen Umfange der heutigen Blüthner'schen Fabrik zu rathen auf den bescheidenen Anfang, den sie vor kaum 25 Jahren genommen ?

Es war im November des Jahres 1853, als Blüthner, seines Zeichens ein Tischler, der aber bei Hölling & Spangenberg in Zeitz auch den Pianofortebau gründlich erlernt hatte, in der Weststrasse zu Leipzig, in einem der noch heute in seinem Besitze befindlichen Ä seine erste Werkstatt eröffnete.

Anfänglichging es mit drei Arbeitern. Da aber die ersten Instrumente guten Absatz fanden, so wurden aus den drei Arbeitern bald mehr.

Die Werkstätte dehnte sich nach und nach über das ganze Haus aus. Als dieses zu klein wurde, ging Buthner muthig mit der Errichtung eines neuen, eigens zu Fabrikzwecken bestimmten Gebäudes vor.

Aber Menschenhände wollten allein nicht mehr ausreichen, um die sich immer mehr steigernden Ansprüche zu befriedigen. Es mussten Maschinen geschafft werden, Maschinen, denen das Sägen, Hobeln, Bohren, Bespinnen der Drahtsaiten und andere gröbere Arbeiten übertragen werden konnten.

Allen diesen Anforderungen wusste Blüthner mit nicht genug zu schätzender Intelligenz zu entsprechen. Und so hat sich sein Etablissement allmählich immer mehr erweitert, äusserlich zu einem Häusercomplex, der so ziemlich einen ganzen Stadttheil, beiläufig 22,000 Quadratmeter, einnimmt und einen wahrhaft imponirenden Eindruck macht, innerlich zu einem so vielgegliederten, nichtsdestoweniger aber so wohlgeordneten Ganzen, dass der Beschauer staunend frägt, wie ein einziger Mensch so Vieles und Grossartiges zu veranlassen vermochte.

Ausser dem, auf dem grossen Holzhofe befindlichen, von verschiedenen kleineren Baulichkeiten umgebenen Holzspeicher stehen gegenwärtig auf Blüthner'schem Grund und Boden zwei grosse Wohngebäude, dahinter das in Hufeisenform angelegte kolossale Fabrikgebäude und eine prachtvolle Villa.

In seiner Fabrik beschäftigt Herr Commerzienrath Blüthner über vierhundert Menschen, die mit Hilfe von ungefähr 60 grösseren und kleineren, durch Dampfkraft getriebenen Maschinen jährlich 1800 bis 2000 Instrumente in allen möglichen Sorten verfertigen. Wahrlich, ein schöner Erfolg einer kaum 25jährigen, wenn auch angestrengten Thätigkeit! Musikalisches Wochenblatt, 29/03/1878, p. 173

 Die königlich sächsische Hof-Pianoforte-Fabrik von Julius Blüthner in Leipzig.

"Trotz des ausserordentlich flotten Geschäftsbetriebes ist die Güte des Blüthner'schen Fabrikates beständig im Steigen begriffen. Das erklärt sich zunächst aus der eigenen Tüchtigkeit Blüthner's.

Blüthner ist nicht nur ein praktisch durch und durch erfahrener Clavierbauer, der Fleiss und Ausdauer genug besitzt, um die Fabrikation sorgfältig zu überwachen, sondern er hat auch bewiesen, dass ihm die Theorie seiner Kunst nicht fremd ist.

Verschiedene Patente, die sich die Firma im Laufe der Zeit erworben, und unter denen das auf das neuerdings construirte „Aliquotpiano“ als die wichtigste Errungenschaft zu bezeichnen ist, sind Beweise für diese Aussage.

Dass Blüthner überdies auch ein ganz bedeutendes Organisationstalent besitzt und zum Fabrikherrn wie geschaffen ist, das lehrt ein Gang durch seine Fabrik, der zum Interessantesten gehört, was die Beobachtung gewerblichen Fleisses überhaupt zu bieten vermag.

Es würde zu weit gehen, wollten wir unsere Leser durch die über 100 Arbeitsräume der Fabrik führen, in denen auf mehr oder weniger mechanische Weise.

Das zusammengesägt, gehobelt, gebohrt, gefeilt, gedrechselt, gedreht und geleimt wird, was uns später als fertiges Product unter der Hand des Künstlers so rein geistige Freuden vermittelt. Nur die in der Anordnung des Ganzen zu Tage tretende Idee sei als charakteristisch mit einigen Worten erwähnt.

Es ist das Princip der Arbeitstheilung, welche wir hier in grossartiger Weise durchgeführt finden.

Jeder Arbeiter verrichtet nur eine bestimmte Arbeit, die an sich oft so unbedeutend ist, dass man staunt, wie ein Mensch jahraus, jahrein dieselbe zu verrichten vermag. Wenn der Eine z. B. den Hammerstiel verfertigt, so liegt ihm nicht ob, auch das kleine, am hinteren Ende desselben befindliche Loch zu bohren.

Diese Arbeit besorgt wieder ein Anderer. Ein Dritter verfertigt den Hammerkopf, der Vierte befilzt denselben etc. etc. Und so zerfällt allein die Mechanik in eine Unmasse einzelner Theile, deren jeder von anderer Hand, naturlich genau nach Vorschrift, verfertigt wird.

Nicht minder sorgfältig wird verfahren beim Bau des Kastens, des Resonanzbodens, des Stimmstockes, beim Besaiten etc. Wenn das nach circa 6 Monaten fertige Instrument von der Hand Blüthner's die letzte Feile (Egalisation) erhält, so kann man wohl sagen, dass sich dahin bereits tausend fleissige Hände um dasselbe bemüht haben.

Die Vortheile eines solchen Verfahrens liegen auf der Hand. Der Arbeiter erwirbt sich in der ihm übertragenen Arbeit schliesslich eine Geschicklichkeit, wie sie derjenige, der Vielerlei verrichten soll, nie erreichen kann.

Er wird dadurch leistungs fähiger, und das liegt ebensosehr in seinem eigenen Interesse, als in dem des Fabrikherrn. Es kann die Arbeit in jedem Stadium sorgfältig controlirt (Factoren) und das Missrathene ausgemerzt werden, ehe ein Anderer Zeit und Mühe daran verschwendet. Fehlerhafte oder lüderliche Arbeit ist unter solchen Umständen fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Nur so ist zu erklären, wie die Fabrik bei der grossen Anzahl von Instrumenten, die sie jährlich in die Welt hinausschickt, noch eine Garantie zu übernehmen vermag. Wofür der Arbeiter allerdings nicht stehen kann, für die Güte des verwendeten Materials, dafür sorgt die Umsicht und Erfahrenheit Blüthner's in mehr als ausreichender Weise.

Es ist ganz erstaunlich, was für Vorräthe an Holz, Fournituren, Leim etc. in den verschiedenen Lagerräumen aufgespeichert liegen. Besonders grossartig sind die Vorrichtungen zur Gewinnung eines zweckentsprechenden, dauerhaften Holzes.

Allein in den bis zu einer Temperatur von 40 Grad erwärmten Trockenhäusern liegen in der Regel bereits zugeschnittene Hölzer, ausreichend für etwa 1000 Instrumente. Ehe sie aber hierher gelangen konnten, mussten sie in anderem Zustande jahrelang auf dem Holzhofe gelagert und sich daselbst als brauchbar bewährt haben.

Ein Blick auf den Holzhof, auf welchem sich wahre Berge edler Hölzer (von inländischen besonders Eiche, Buche, Fichte, Tanne, von ausländischen Ceder und Jacaranda) erheben, lässt die der Firma Julius Blüthner zur Verfügung stehenden Mittel in recht beneidenswerthem Lichte erscheinen.

Wenn Blüthner heute, was Zweckmässigkeit und Grossartigkeit seiner Einrichtungen anbetrifft, mit den grössten Pianofortefabriken der Welt zu wetteifern vermag, so hat es ihm auch an Anerkennung seiner Leistungen niemals gemangelt.

Mit Recht erblickt er den schönsten Lohn seiner Bemühungen in dem blühenden Zustande seines Etablissements. Er darf sich schmeicheln, einer der bedeutendsten Industriellen Sachsens zu sein. Demgegenuber erscheinen die mancherlei besonderen Auszeichnungen, die ihm zu Theil geworden, als ziemlich selbstverständlich.

Die erste datirt vom Jahre 1854 und wurde veranlasst durch einen grossen Concertflügel, mit welchem die Ausstellung zu München beschickt worden war.

Auf dieselbe Weise errang sich die Firma später in Merseburg (1865) die „goldene Medaille“, in Paris (1867) die „silberne Medaille“, als höchste Auszeichnung für Norddeutschland in Chemnitz (1867) und Cassel (1870) den „ersten Preis“, in Wien (1873) das „Ehrendiplom“ und in Phiadelphia (1876) die Centennial-Auszeichnung für „ausgezeichnee Tonschönheit, höchsten Grad der Vollkommenheit in der technischen Ausführung, Präcision der Spielart, eine neu erfundene Construction, genannt Aliquotsystem“.

Dazwischen war erfolgt im Jahre 1865 die Ernennung der Firma zur „königlich, sächsschen Hof-Pianofortefabrik“, im Jahre 1871 als persönliche Auszeichnung der Titel eines „königlich sächsischen Commerzienrathes“.

Dass Blüthner auch im Besitze verschiedener Patente ist, wurde bereits früher erwähnt. Neuerdings ist es besonders das Büthner'sche „Aliquotpiano“, welches viel von sich reden macht, Bjejnde künstlerische Capacitäten haben sich sehr belobigend über die vorzüglichen Eigenschaften desselben ausgesprochen.

Auch das „Musikalische Wochenblatt“ hat dieser neuesten Erscheinung äuf dem Gebiete des Pianofortebaue einen sehr eingehenden, empfehlenden Artikel in seiner No. 47 vom Jahre 1876 gewidmet.

Zahlreiche Berichte bestätigen, dass sich die Bluthner'schen Aliquotflügel durch unübertroffenen grossen, schönen Ton zum Concertgebrauch ganz besonders eignen.

Wenn wir schliesslich noch der Herausgabe eines pädagogischen Werkes (Blüthner und Gretschel, Lehrbuch der Pianoforte baukunst, Weimar bei Voigt) erwähnen, so dürfte Alles, was auf Julius Blüthner, den Besitzer und alleinigen technischen Leiter der „königl. sächsischen Hof-Pianoforte-Fabrik“ gleichen Namen Bezug at, berücksichtigt worden sein.

Dass die musikalische Welt in ihm auch einen sehr eifrigen Kunstmäcen zu verehren hat, der nicht nur im eigenen Hause der Kunst eine würdige Pflegestätte bereitet hat (Blüthner'scher Saal), sondern auch seit Jahren schon das Risico des Concertinstitutes „Euterpe“ ganz allein trägt. Das gehört nicht hierher und dürfte auch ällgemein bekannt sein.

Commerzienrath Blüthner ist heute ein Mann in den besten Jahren. Gewiss hat die Welt von seiner Schaffenslust noch manche tüchtige That zu erwarten. Möge dem überaus thätigen Manne das Glück allezeit so hold sein, wie bisher. Moritz Vogel." Musikalisches Wochenblatt, 05/04/1878, p. 187

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